Effizienz klingt erst einmal nach einem ziemlich guten Geschäft: gleiche Arbeit, weniger Zeit. Nur hat die Rechnung einen Haken. Denn gesparte Zeit hat die unangenehme Eigenschaft, nicht lange gespart zu bleiben. Bleibt also die Frage: Was machen wir mit der Zeit, wenn wir sie plötzlich haben?
Neulich hat mir die KI eine Aufgabe abgenommen, für die ich sonst eine Stunde gebraucht hätte. Das Ganze war in zwanzig Minuten erledigt. Ich bekam also vierzig Minuten geschenkt.
Und was habe ich mit ihnen gemacht? Ich habe Mails beantwortet, in den Chat geschaut, eine Kleinigkeit vorgezogen, die eigentlich bis morgen Zeit gehabt hätte. Die vierzig Minuten sind mir quasi unter der Maus verronnen, bevor ich gemerkt habe, dass ich sie hatte.
Microsoft* hat gerade nachgezählt, wie oft wir bei der Arbeit unterbrochen werden. 275-mal am Tag. Alle zwei Minuten ein Meeting, eine Mail, ein Chat. Wer weiterhin so arbeitet, dem schenkt die KI keine vierzig Minuten am Stück. Sie schenkt ihm vierzig Minuten in zwanzig Stücken. Und die verrinnen zwischen den Fingern.
Das ist nicht die Schuld der Maschine. Sie tut nur das, was sie soll. Sie löst die gestellte Aufgabe schneller. Was übrig bleibt, ist eine Lücke. Und die Maschine sagt mir noch nicht, womit ich sie fülle ;-)
Und da wird es aus meiner Sicht interessant. Denn wie sich die Lücke füllt, hängt weniger vom Menschen ab als vielmehr von der Situation, in der er steckt. Wo das nächste Projekt schon wartet, zieht es die freie Zeit an sich, ganz von allein. Wo nichts wartet, füllt sie sich mit dem, was am lautesten ruft. Das ist meistens Kommunikation. Manchmal ist es auch nur die Aufgabe selbst, die sich dehnen lässt, bis die eine Stunde wieder voll ist.
Ich nehme mich davon nicht aus. Wenn kein Druck dahinter ist, dehne auch ich eine Sache aus, bis sie die Zeit ausfüllt, die ich für sie eingeplant hatte. Das nennt man dann wohl Gewohnheit.
Der Microsoft-Report, der die 275 Unterbrechungen gezählt hat, nennt noch eine weitere Zahl, die mich beschäftigt. Demnach sieht etwa die Hälfte der Befragten KI als eine Art Denkpartner. Die andere Hälfte nutzt sie als Werkzeug, dem man Befehle gibt.
Der Report sagt nicht, welche Gruppe die gewonnene Zeit besser nutzt. Aber ich habe eine Vermutung.
Wer die Maschine nur befehligt, lässt sich einen Text schreiben, nimmt ihn und hakt die Aufgabe ab. Fertig. Und dann? Die Aufgabe ist weg, die Zeit ist da, und nichts wartet, das sie aufnimmt.
Wer mit ihr denkt, lässt sich denselben Text schreiben und liest ihn als ersten Entwurf. Was fehlt? Was müsste der Kunde wirklich hören? Wo stimmt der Ton noch nicht? Die gewonnene Zeit fließt genau dorthin: ins Schärfen.
Und damit bin ich bei mir. Bei der Frage, die ich nicht an mein Team weiterreichen kann.
Ich habe die KI ins Haus geholt und allen den Zugang gegeben. Das Werkzeug ist da. Aber das Werkzeug ist der leichte Teil. Der schwere Teil ist die Entscheidung, wofür die Zeit da sein soll, die es schafft. Und die kann mir niemand abnehmen.
Denn wenn ich nichts sage, ist die Sache trotzdem entschieden. Dann füllt sich die Lücke von allein, mit dem Nächstliegenden, mit dem Lautesten. Nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung, nur die schlechteste.
Also muss ich sagen, wofür die Zeit gedacht ist. Für einen Gedanken mehr, bevor wir loslegen. Für den Anruf beim Kunden, den wir sonst verschieben. Für ein Konzept, das eine Runde besser wird. Für das Lernen, das im Tagesgeschäft immer zuerst wegfällt.
Und hier wird es unbequem. Denn Tiefe kostet Breite. Wenn die gewonnene Zeit in ein besseres Konzept fließt, fließt sie nicht in ein zusätzliches Projekt. Das kann kurzfristig weniger Auslastung bedeuten, ein Projekt weniger auf einmal, eine Zeile weniger in der Monatsrechnung.
Genau das ist der Punkt, an dem sich zeigt, ob ich die Entscheidung wirklich treffe oder nur davon rede. Die bequeme Antwort wäre, die Zeit einfach mit mehr Arbeit zu füllen. Die richtige ist teurer.
Die KI hat mir vierzig Minuten verschafft. Was sie wert sind, hat sie nicht mitgeliefert.
Das ist mein Teil.
Danke, EU AI Act für das Menschliche
Raten nach Zahlen