Ralf Schambier im weißen Hemd hält einen Handspiegel und blickt skeptisch auf einen Schraubenschlüssel neben seinem Kopf. Collage über ungefragte Optimierung.

Erstaunlich, dass es uns noch gibt

Ralf Schambier
Ralf Schambier | 4 Minuten | 07.09.2026

Man kann beruflich einiges richtig gemacht haben und sich beim Lesen guter Ratschläge trotzdem wie ein Anfänger fühlen. Mich beschäftigt, warum das so leicht gelingt. Und ob ich mit meinen eigenen Beiträgen gelegentlich dazu beitrage.


Manchmal wundere ich mich, dass es unsere Agentur noch gibt. Jedenfalls dann, wenn ich die Mails lese, in denen mir Menschen erklären, was unserem Geschäft fehlt.

Auffällig oft kommen solche Nachrichten von Start-ups oder Unternehmen, die ähnlich auftreten. Man ist sofort beim Du, was offenbar schon einen beträchtlichen Teil des Kennenlernens ersetzt. Der Rest scheint ebenfalls erledigt: Unser Problem ist erkannt, die Lösung verfügbar. Mehr Kunden sollen es werden. Planbar, zuverlässig, mit einer Methode, die wir vermutlich noch nicht kennen.

Unsere Auftragslage ist aktuell völlig in Ordnung. Gefragt hat danach niemand.

Die Diagnose steht bereits fest

Nun könnte man sich über solche Mails ärgern und sie löschen. Meistens reicht das Löschen. Interessanter finde ich aber die Gewissheit, mit der hier jemand eine Diagnose stellt, bevor überhaupt ein Gespräch stattgefunden hat. Das Angebot steht fest. Jetzt muss mein Unternehmen noch das passende Problem bekommen.

Diese Reihenfolge begegnet mir auch außerhalb des Postfachs. Beim Lesen all der Empfehlungen darüber, wie man heute führen, kommunizieren, verkaufen und arbeiten sollte, kann ein merkwürdiger Eindruck entstehen: Offenbar habe ich beruflich erstaunlich viel falsch gemacht. Und bin damit erstaunlich lange gut gefahren.

Natürlich wird die eigene Arbeit durch viele Berufsjahre nicht automatisch gut. Man kann Fehler lange wiederholen, von günstigen Umständen profitieren oder manches schlicht übersehen. Ich möchte durchaus erfahren, wenn etwas einfacher geht oder wenn ich mit einer Einschätzung danebenliege.

Das kommt mir bekannt vor

Trotzdem darf mich wundern, wie häufig mir Bekanntes als neue Erkenntnis begegnet. Kunden zuhören. Mitarbeitern Verantwortung geben. Zusagen einhalten. Vor einer Maßnahme überlegen, was sie bewirken soll. Sobald solche Gedanken einen englischen Namen, ein Schaubild und fünf Schritte bekommen, wirken sie gelegentlich so, als hätte bisher niemand ernsthaft darüber nachgedacht.

Das kann durchaus nützlich sein. Eine gute Methode ordnet Wissen und macht es zugänglich. Auch eine alte Einsicht kann zum richtigen Zeitpunkt weiterhelfen. Mich beschäftigt inzwischen mehr, was beim Lesen all dieser Empfehlungen mit dem Blick auf die eigene Arbeit passiert.

Seit wann mache ich das falsch?

Aus einer Anregung wird Nachholbedarf. Die Möglichkeit, etwas anders zu machen, bekommt den Unterton, es bislang falsch gemacht zu haben. Warum macht ihr das noch so? Habt ihr dafür wirklich keinen Prozess? Nutzt ihr dieses Tool etwa noch nicht?

Und irgendwann arbeitet man gedanklich eine Mängelliste ab, von deren Existenz man morgens noch nichts wusste. Selbst das, was funktioniert, bekommt den Status einer vorläufigen Lösung. Es geht offenbar irgendwie, aber zeitgemäß kann es kaum sein.

Vielleicht verfängt das gerade deshalb, weil man seinen Beruf ernst nimmt. Wer gute Arbeit leisten möchte, will Entwicklungen mitbekommen und eigene Schwächen erkennen. Der Gedanke, etwas Wichtiges verpasst zu haben, ist unangenehm. Dafür muss ein Ratschlag noch nicht einmal besonders überzeugend sein. Es reicht, wenn er einen kleinen Zweifel hinterlässt.

Die einzelne Mail lässt sich leicht löschen. Die Frage, ob ich etwas übersehen habe, bleibt gelegentlich länger.

Und was mache ich gerade?

Ich schreibe selbst Beiträge, einen Blog, einen Newsletter. Ich teile Beobachtungen und Überlegungen, von denen ich hoffe, dass andere etwas damit anfangen können. Natürlich steckt darin auch eine Vorstellung davon, was gute Arbeit ausmacht.

Es wäre bequem, meine eigenen Texte von dieser Betrachtung auszunehmen. Auch ein gut gemeinter Denkanstoß kann beim Leser als weitere Anforderung ankommen. Wie schnell wird aus meinem „Das hat mir geholfen“ ein „So macht man das“?

Was davon brauche ich wirklich?

Mehr Kunden können ein gutes Ziel sein. Bei vollen Auftragsbüchern werden womöglich andere Fragen wichtiger: Welche Projekte passen zu uns? Was können wir mit unserem Team gut leisten? Wo wollen wir bewusst mehr Zeit investieren?

Ein Ratschlag gewinnt seinen Wert durch die Situation, in der er helfen soll. Um das beurteilen zu können, brauche ich auch meine Erfahrung. Sie enthält Irrtümer und Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde. Sie enthält ebenso Können, gewachsene Beziehungen und Dinge, die ich ziemlich richtig gemacht habe.

Vielleicht darf ich mir deshalb angewöhnen, zwischen dem Lesen einer Empfehlung und dem Zweifeln an der eigenen Arbeit kurz innezuhalten. Was davon trifft auf meine Situation zu? Was würde tatsächlich besser? Und was klingt vor allem deshalb dringlich, weil jemand sehr überzeugt davon spricht?

Ich möchte neugierig bleiben. Zu dieser Neugier gehört für mich inzwischen auch die Frage, ob etwas Bewährtes seinen Platz behalten darf.

„Man darf dazulernen, ohne sein bisheriges Berufsleben zum Anfängerfehler erklären zu müssen.“