Sehr geehrte Damen und Herren
Was ein Unternehmen ist, steht selten im Leitbild. Man liest es an kleinen Zeichen. Auch an unseren.
Neulich flatterte eine Angebotsaufforderung herein. Ein Unternehmen suchte eine Agentur. Es wollte seine Kommunikation, bislang in Eigenregie geführt, erstmals in fremde Hände geben. Die Anrede lautete: Sehr geehrte Damen und Herren.
Darüber bin ich gestolpert. Zur Sicherheit habe ich unsere Website geöffnet. Wir stehen alle dort, mit Namen und Funktion. Eine halbe Minute „Recherche“ hätte meines Erachtens genügt.
Ich war natürlich nicht beleidigt. Eher amüsiert. Denn noch bevor ich die eigentliche Anfrage gelesen hatte, wusste ich schon etwas über den Absender. Nicht alles. Aber etwas.
Lauter kleine Zeichen
Man kann Menschen ein Stück weit lesen. An der Kleidung, an der Art, wie sie ihr Auto pflegen (oder eben nicht). An dem, was sie im Restaurant bestellen. An der Lautstärke des Klingeltons, der in der Bahn losbimmelt. Man kann Menschen ein Stück weit lesen. An der Kleidung, an der Art, wie sie ihr Auto pflegen (oder eben nicht). Am Klingelton, der in der Bahn losbimmelt: Düdeldüdü, düdeldüdü, düdeldüdü, düüü (na, klingelt’s?).
Lauter kleine Zeichen, die zusammen ein Bild ergeben, oft genauer als jede Auskunft über sich selbst. Jürgen Nerger von der Hamburger Agentur Gudberg Nerger hat darüber im März einen lesenswerten Essay geschrieben. Sein Titel: Der Mensch als Moodboard*.
Firmen liest man genauso. Nur stehen ihre Zeichen woanders. In der Anrede einer Mail. In der Art, wie eine Rechnung formuliert ist. Darin, wie lange jemand auf eine Frage antwortet und ob die Antwort zur Frage passt. Und neuerdings auch darin, ob überhaupt geantwortet wird. Diese Unsitte beobachte ich jedenfalls immer häufiger. Das Leitbild auf der Website erzählt, wer ein Unternehmen sein möchte. Die kleinen Zeichen erzählen, wer es ist.
Ein einzelnes Zeichen ist dabei noch kein Urteil. Nerger vergleicht es mit einem Titel auf einer Playlist. Erst mehrere zusammen ergeben einen Eindruck. Die Anrede in der Angebotsaufforderung war so ein Titel. Vielleicht hatte jemand wenig Zeit. Vielleicht gibt es eine Vorlage, die seit Jahren niemand angefasst hat. Auch das wäre eine Auskunft.
Eine gewisse Ironie hat die Sache trotzdem. Da will ein Unternehmen seine Kommunikation zum ersten Mal Profis überlassen. Und die erste Botschaft an diese Profis zeigt recht genau, warum das eine gute Idee ist. Für eine Agentur ist das beinahe eine schöne Nachricht. Es gibt etwas zu tun.
Der Lauteste im Raum
Ein anderes Zeichen begegnet mir in Erstgesprächen. Es gibt Geschäftsführer, die lauter sind als ihr ganzes Team. Sie sprechen über Umsatz und über Kunden, die man kennen sollte. Die Leute neben ihnen kommen selten zu Wort.
Ich werde dann aufmerksam. Ein Urteil ist das noch nicht.
Meine Erfahrung ist eher unspektakulär. Wer seiner Sache sicher ist, muss sie selten betonen. Viel Rede über eigene Erfolge verrät oft ein Bedürfnis nach Bestätigung. Das ist menschlich. Für eine Zusammenarbeit ist es trotzdem eine Information. Es sagt etwas darüber, wer am Ende entscheidet und wie viel Widerspruch Platz hat.
Für eine Agentur ist das keine Nebensache. Wir arbeiten später mit genau den Leuten, die im ersten Gespräch geschwiegen haben. Manchmal täusche ich mich natürlich. Dann merke ich das spätestens im zweiten Termin.
Ein Name, der bleibt
Das gilt auch umgekehrt. Auch wir senden Zeichen.
Seit Januar führe ich die Agentur. Gegründet hat sie Andreas Haller. Wir firmieren trotzdem weiter als Nantscheff + Haller.
Das war eine bewusste Entscheidung. Unsere Kunden kennen den Namen seit über 30 Jahren. Er ist längst selbst eine Marke und hat sich über die Jahre einen Ruf erarbeitet, den man nicht ohne Not aufgibt. Ein neuer Name hätte vor allem eines bewirkt: Wir hätten in jedem Gespräch erst einmal erklären müssen, warum wir umfirmiert haben. Die Zeit stecken wir lieber in die Arbeit. Es geht weiter, mit denselben Leuten und demselben Anspruch.
Ganz steuern lässt sich so ein Zeichen allerdings nicht. Ab und zu werde ich mit Herr Haller angesprochen. Nach allem, was ich eingangs über Anreden geschrieben habe, nehme ich das mit Humor. Und als kleine Lektion in Demut.
„Man kann nicht nicht kommunizieren“
Können kann man nicht bestellen
Erstaunlich, dass es uns noch gibt